Erziehung zur Selbstachtung

 

Selbstachtung ist die Grundlage
psychischer Gesundheit, Erziehung zur Selbstachtung damit die Grundlage
jeglicher Erziehung.

 

Eltern möchten mit ihrer Erziehung erreichen, dass Kinder Lebenstüchtigkeit entwickeln, d.h. dass sie eigenverantwortlich, selbstbewusst und rücksichtsvoll mit sich und anderen umzugehen lernen.

Bei der
Frage, wie sich diese Lebenstüchtigkeit entwickeln kann und welche Fähigkeiten Kinder hierzu brauchen, werden immer wieder Begriffe diskutiert, wie Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit, soziale Kompetenz, Frustrationstoleranz, Ehrgeiz und ähnliches mehr, alles Fähigkeiten oder auch Ziele von Erziehung, auf die man sich relativschnell verständigen kann.

Zu kurzkommt meines Erachtens häufig, dass ein wesentliches Ziel von Erziehung ist, Kindern ein hohes Maß an Selbstachtung, Selbstvertrauen und Ich-Stärke zu vermitteln, damit sie ein positives Selbstwertgefühl entwickeln können. Dieser Aspekt von Erziehung ist deshalb so wichtig, weil nur Menschen, die ein gut ausgeprägtes Selbstwertgefühl und ein hohes Maß an Selbstachtung entwickeln
konnten, psychisch stabil sind, mit Alltagsanforderungen und Konflikten angemessen umgehen können und somit auch im Kontakt mit anderen sozial angemessen leben können.

 

Was prägt das Selbstbild und was
können Eltern tun, um Kindern zu helfen ein positives Selbstbild zu entwickeln?

 

  1. Das Verhalten, das Menschen einem Kind gegenüber zeigen

 

Freuen sich die Personen in der Umgebung, dass es dieses Kind gibt, wird es mit Wohlwollen betreut und versorgt. Hat es positive Erfahrungen mit Körperkontakt und Nähe, erlebt es Zärtlichkeit oder signalisieren die Personen in der Umgebung mit ihrem Verhalten, dass es eine Last ist?

 

  1. Die Gespräche über das Kind.

 

Wie reden die Erwachsenen über das Kind? Was erzählen sie anderen Erwachsenen. Werden positive oder negative Gefühle deutlich, wenn über das Kind gesprochen wird?

 

  1. Die eigene Einschätzung über das, was ein Kind tut, bewirkt und wie es ist.

 

Hat das Kind Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten,
die seinen Entdeckungsdrang fördern und unterstützen und ihm Anregungen vermitteln, die Welt zu „erobern“.

Hat es Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten, die es darin bestätigen, dass es Probleme bewältigen kann? Ist es mit Anforderungen konfrontiert, die es angemessen fordern und ihm Mut machen,
den Dingen auf den Grund zu gehen?
Wird ihm
etwas zugetraut?
Signalisieren die Erwachsenen, dass es das Leben schon meistern wird? ´Ist die Botschaft: „Du wirst es schaffen“ oder „Aus dir wird doch nichts“?



Diese Beispiele gelten insbesondere für den Bereich der frühen kindlichen Prägungen, aber auch für die weitergehende Entwicklung, bzw. die Stabilisierung des Selbstwertgefühls im späteren Kindes- und Jugend-, aber auch im Erwachsenenalter.

Das Selbstbild und Selbstwertgefühl entwickelt und verändert sich permanent und ist immer auch abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. So ist durchaus möglich, dass jemand, dessen Selbstwertgefühl im Grunde stabil ist, durch eine Veränderung seiner sozialen Situation, in der wesentliche positive Erfahrungen fehlen, aus der Bahn geworfen wird.

Klassische Krisen und Gefährdungen des Selbstwertgefühls sind Arbeitslosigkeit und Mobbing.

 

 

Wie können Erziehende (Eltern, Erzieher, Lehrer) das Selbstwertgefühl von Kindern stärken?

 

Zur Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und eines gesunden Selbstbildes benötigen Kinder Erfahrungen und Sicherheiten in den folgenden 5 Bereichen:

 

1. Existenzberechtigung

 

Grunderfahrung: „Ich als Person
habe ein Recht auf meine Existenz, losgelöst vom Erfüllen von Erwartungen.“

Kinder erfahren sehr früh über die erste Zuwendungen, Wärme, Ernährung, über nonverbale Signale und Reaktionen Hinweise über die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz. Sie bekommen die grundsätzliche Botschaft, ob sie als Person „von Bedeutung“ sind, losgelöst vom Erfüllen von Erwartungen. Ein sicheres Gefühl von Existenzberechtigung entwickeln Kinder dann, wenn sie die
Erfahrung machen, dass sie bedingungslos geliebt werden, dass ihr “Wert“ nicht abhängig ist vom Erzielen bestimmter Leistungen.

 

2. Kompetenz

 

Grunderfahrung:“Ich kann etwas bewirken.“

 

Kompetenz bedeutet, dass Kinder die Überzeugung
gewinnen, etwas beeinflussen zu können. Sie brauchen Spiel- Erfahrungs-und Erlebnismöglichkeiten, in denen ihnen vermittelt und signalisiert wird, dass sie Fähigkeiten haben. Am meisten helfen Erwachsene Kindern bei der Entwicklung dieser Kompetenz, wenn sie an deren Fähigkeiten glauben, bevor sie demonstriert und bewiesen wurden. Für die Erziehung bedeutet dies, dass Ermutigung und Konzentration auf das, was da ist, statt auf das, was fehlt, Schwerpunkt der Wahrnehmung sein muss.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen, dass sie etwas können. Nur so kann sich Kompetenz entwickeln.

 

 

3. Verbundenheit und getrennt sein

 

Grunderfahrung: „Ich als Person bin einzigartig und gleichzeitig bin ich Mitglied der Gemeinschaft.“

 

Selbstwert kann sich nur entwickeln, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Verbindung als auch Trennung von anderen Individuen entwickelt ist. Gemeint ist mit Verbundenheit das Zugehörigkeitsgefühl zu anderen (Familie, Gruppe, Klasse,
Gemeinde) das Gefühl, sich als Teil des Ganzen zu erleben, bei gleichzeitigem Bewusstsein der individuellen Einzigartigkeit, die dadurch hervorgehoben wird, dass Individuelles respektiert wird (Intimsphäre, Eigenarten, eigenes Spielzeug, Geheimnisse usw.). Lebensräume von Kindern sollten so gestaltet sein, dass einerseits eine Stärkung des Wir-Gefühls stattfindet, gleichzeitig jedes Kind als Individuum mit seinen Eigenarten und Besonderheiten Platz hat.

 

4. Realismus

 

Grunderfahrung: „Ich habe Stärken und Schwächen und beides gehört zu mir und beides ist gut so.“

 

Ein wesentlicher Teil der Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls ist „die Annahme der Schatten“. Realitätssinn
schließt die Erkenntnis ein, dass niemand perfekt ist, dass jeder Mensch Fähigkeiten, Fehler, Stärken und Schwächen hat. Kinder brauchen die Erfahrung, dass Fehler und Schwächen kein Makel sind, die zur Abwertung ihrer Person führen (siehe Existenzberechtigung), sondern dass sie mit all ihren vielseitigen Aspekten, Eigenschaften und Besonderheiten liebenswerte Menschen sind.

 

5. Ethische Grundsätze

 

Grunderfahrung: „Ich kenne Normen,
Werte, Ideale, die mir helfen, mich zurechtzufinden in der Welt.“

Ethische Grundsätze und Werte bieten Kindern die notwendige Anleitung für ihr Verhalten in vielen oft verwirrenden Situationen des Lebens. Hat ein Kind gelernt auf „goldene Regeln“ zurückzugreifen, kann es auch in verwirrenden Situationen entscheiden, wie es sich verhalten soll. Ethische Grundsätze und Werte machen Kinder mit Idealen und Normsystemen vertraut und verhelfen ihnen, wenn sie
diese Werte verinnerlichen können, zu einem wohltuenden Gefühl, sich selbst treu bleiben zu können (Gewissensbildung).

 

Zusammenfassung

 

Die Entstehung eines stabilen Selbstwertgefühls hängt in hohem Maße von Erfahrungen und Rückmeldungen der wesentlichen Bezugspersonen eines Kindes ab. Erziehende ( Eltern, Erzieher, Lehrer…) sollten ihr Handeln immer wieder daraufhin überprüfen,
welche Botschaften bezogen auf den Wert der ihnen anvertrauten Kinder sie aussenden und welches Wirken ihr Tun auf die Selbstwertentwicklung haben kann.

 

 

Literatur

Ursula Nuber: Die
Wiederentdeckung der Geborgenheit ,Psychologie Heute 1995, Jg. 22, Heft 12 S.
20-27.

L.T.Sanfort, M.E.
Donavan: Selbstachtung Psychologie Heute 1994, Jg. 21, Heft11, S. 20-27.

Anselm Grün: Selbstwert
entwickeln, Ohnmacht meistern, Stuttgart, Kreuz Verlag 1995.

 

Autor:

 

Klaus Fischer

Dipl.Soz.päd.,

appr. Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut

Familientherapeut (DGSF)
Supervisor (DGSF)